Bandspecial bei elektrolurch.com - 2003

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Tasmanian_Devil
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Bandspecial bei elektrolurch.com - 2003

Beitrag: # 181018Beitrag Tasmanian_Devil
Mo 28. Jul 2008 15:13

“The Long Road“. Einen passenderen Titel für ihr viertes Album hätten sich Nickelback wohl nicht aussuchen können. Sie sind nach langer Reise endlich da, wo sie seit Mitte der Neunziger hinwollten. An die Spitze des Rockbusiness. Dort, wo sie auch zu Recht hingehören. Kaum eine Band hat sich ihren (Gold- und Platin-) Status so ehrlich erarbeitet wie die Formation aus dem kanadischen Vancouver.

Wer nach dem weltweiten Charterfolg von „Silver Side Up“ (2001) und speziell der Hitsingle „How You Remind Me“ lauthals von „Hype“ und „Kommerz“ schwadronierte, der hat schlicht und einfach keine Ahnung. Dass die Mechanismen des Popgeschäfts auch für eine Rockband gelten, dürfte schon seit den späten Sechzigern allgemein bekannt sein. Wenn eine Band endlich auch im Radio und TV stattfindet und funktioniert, dann passiert so etwas in den seltensten Fällen über Nacht. Und vor allem nicht ohne Substanz und Tiefgang.

Schon in frühen Interviews haben die Männer um Frontmann Chad Kroeger nie einen Hehl daraus gemacht, „welches unsere Einflüsse sind“. Nickelback haben im Post-Grunge-Umfeld ihre Nische gesucht und gefunden, ohne „sich dabei zu verkaufen“.

Eine solche Aussage gehört durchaus zum guten Ton im Nickelback-Umfeld Zitate wie diese beweisen, dass die vier Nordamerikaner trotz Millionenverkäufen noch immer auf dem Boden geblieben sind: „Uns kommt es nicht darauf an, etwas komplett Innovatives zu kreieren. Wir wollen gute Rocksongs schreiben, mehr nicht.“

Oft reicht dieser Anspruch allein natürlich nicht aus, um Erfolg zu haben. Bei Nickelback war es die ausgewogene Kombination zwischen Ehrgeiz, Bodenständigkeit, Instinkt und – natürlich – Talent. „Wenn du kein Gespür für dein Publikum hast, dann kannst du gleich einpacken“, hat Gitarrist Ryan Peake einmal in einem Interview gesagt. Und er hat Recht.

Nickelback haben sich durch ihre Ochsentour(en) am Ende des letzten Jahrzehnts (u. a. mit Stone Temple Pilots, Godsmack, Papa Roach, Incubus, Creed, Sevendust, Fuel, Everclear, 3 Doors Down) einen Ruf als hervorragende Live-Band erspielt. Und nur darum geht es: Die Leute wollen unterhalten werden. Die Zeiten, in denen eine Rockkapelle daran gemessen wurde, welche visuellen Effekte sie benutzt, um eventuell von eigenen musikalischen Unzulänglichkeiten abzulenken, sind Gottseidank seit Ende der Achtziger vorbei.

Auch wenn sie es nicht hören wollen: Nickelback stehen in der ehrlichen Tradition des Grunge – die Musik ist die Message. Das reicht.

In einer Zeit nämlich, in der die Menschen Musik wie ein Kleidungsstück von der Stange kaufen, ist eine Erfolgsgeschichte wie die von Nickelback eher ungewöhnlich. Denn wer ein richtiges Image sucht, der wird vergeblich darauf hoffen, eins zu finden. Kroeger und Co. haben sich ohne großen Schnickschnack von ganz unten nach ganz oben gekämpft. Eine Band zum Anfassen. Jeans und T-Shirt, vielleicht noch Cowboystiefel und ein passender Hut – das war's dann aber auch schon. Kanadier sind eben vielleicht doch die besseren Nordamerikaner.

Man könnte meinen, nach dem Riesenerfolg des letzten Albums würde sich das Quartett erst einmal genüsslich darauf ausruhen – weit gefehlt! Diese Band – allen voran ihr Frontmann – wurde nicht müde, ihre Ziele weiter zu verfolgen, ihre Musik auch anderen Hörerschichten zugänglich zu machen. Der Titelsong zum Kino-Smash-Hit „Spiderman“ ist so ein Beispiel. Neben dem damals noch unbekannten Theory Of A Deadman-Chef Tyler Connolly wirkten an „Hero“ auch so gestandene Veteranen wie Pearl Jam-Drummer Matt Cameron (Ex-Soundgarden) mit. Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass Kroeger später sogar einen Song mit Carlos Santana aufnahm („Why Don't You And I“, auf „Shaman“).

Ein guter Song ist ein guter Song. Diese Binsenweisheit gilt. Punkt. Nickelback haben sich nie davor gescheut, ihren Vorbildern auf der Bühne Tribut zu zollen. In ihrem Programm fanden sich früher Coverversionen von so unterschiedlichen Künstlern wie Rage Against The Machine, Soul Coughing oder Big Wreck wieder. Auf dem neuen Album nun haben sie sich erstmals an einen richtig bekannten Song gewagt. Elton Johns „Saturday Night's Alright (For Fighting)“ entstand in Zusammenarbeit mit Panteras Gitarristen Dimebag Darrell, wobei auf dem schon Anfang Juli veröffentlichten Soundtrack zum zweiten Teil des Kinoerfolgs “3 Engel für Charlie“ sogar noch Kid Rock zu hören ist.

Ein guter Einstieg in die vermeintlich schwierigste Platte der Bandhistorie, denn die Erwartungen der Öffentlichkeit sind natürlich groß und hoch. Doch Nickelback wären nicht Nickelback, wenn sie dieses unter Druck setzen würde.

„Druck hatten wir am Anfang, als uns kein Kaninchen kannte und wir über die Dörfer zogen, jetzt können wir das Ganze endlich in Ruhe angehen.“

Ein Statement, dem man eigentlich nichts hinzufügen müsste außer natürlich ein paar Fakten, die mit „The Long Road“ zusammenhängen:

Die erste Single heißt „Someday“ und erschien am 1. September. ‚MTV.com' bezeichnete das Stück im Vorfeld als „höchst kommerzielle Rock-Hymne“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Nickelback sind sich treu geblieben, haben für diese Platte zwei Studios benutzt (das ‚Greenhouse' und Chads eigenes ‚Mountain View' in Vancouver), selbst produziert (mit Hilfe von Joey Moi), gemixt wurde wieder von Randy Staub.

„The Long Road“ ist ein Album, das zwar keine Überraschungen bietet, aber genau das macht den Charme dieser Scheibe aus. Schnörkelloser Rock ohne Wenn und Aber, balladeske Elemente und Midtempo-Parts – der gewohnt professionelle Mix aus Alt und Neu, aus Klassik und Moderne, aus Rock, Grunge, Metal und Melodie kommt wieder um Tragen. Eben genau das, was die Fans an dieser Band so lieben und was sie zu einer der erfolgreichsten Global Player in Sachen ‚Modern Rock' gemacht hat.

Enttäuscht werden wird nur derjenige, der sich diebisch darauf gefreut hat, Nickelback würden auf einen aktuellen Zug oder Trend aufspringen. Weder Rap- noch Elektronik-Parts, weder weiblicher Minnegesang noch Samples – nichts von alledem bekommt der Hörer serviert. Hier geht es um handgemachte, ehrliche (Rock)Musik, die genau die Schnittmenge zwischen den üblichen und gängigen Schubladen bedient. Zeitlos, energetisch, grundsolide Attribute, mit denen man nicht nur in 2003 alle Rekorde brechen kann.

Der Trend war und ist Nickelback egal, Wellenreiterei ist nicht ihr Ding. Wie haben sie selbstironisch einmal gesagt:

„Ursprünglich aus einem kleinen 4.000er-Kaff zu kommen, bedeutet nicht automatisch, auch einen eigenen Stil zu haben.“

Vielleicht bedeutet 'Stil' ja in diesem Fall, dass man sich seiner Sache sicher ist und deshalb keine Experimente wagen muss. Wenn es so wäre (und das ist es!), dann haben Nickelback schon wieder alles richtig gemacht. Und wo das hinführt, hat man ja beim letzten Album gesehen.

http://www.elektrolurch.com/spezial/nic ... elback.htm
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Leben heißt, den Stößen der Welt zu antworten und mehr als einmal am Tag dem untreu zu werden, was man sich vorgenommen hat (Alain)

HaRdCoRa
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Beitrag: # 181035Beitrag HaRdCoRa
Di 29. Jul 2008 09:56

Ja,das ist ein schöner artikel,ich glaub ich hab den schonmal irgendwo gelesen.Danke fürs Posten!! :wink:
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"Hey,hey,I wannabe a rockstar!"

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